Johanna Müller, Recherchebild, 2022

Johanna Müller, Recherchebild, 2022

Johanna Müller, Recherchebild, 2022

Johanna Müller, Recherchebild, 2022

04. März 2022 — 13. Mai 2022

Johanna Müller

mutable life

Johanna Müller befasst sich in ihren Arbeiten mit dem Wechselverhältnis zwischen Internetraum, Userin und Alltagsräumen. Dabei nimmt sie sich der Frage an, wie in einem Zeitalter der Überlagerung und Gleichzeitigkeit von Räumen, Wegen und Beziehungen eine Orientierungsfähigkeit möglich ist. Indem sie sich künstlerischer Praktiken des Flanierens, Arrangierens, Spekulierens und Fabulierens bedient und hierfür verschiedene formale Möglichkeiten (u.a. Collage, Keramik, Textil, Video) austariert, entwickelt sie assoziative Zerrbilder, die ihr dabei helfen klassische lineare Erzählmuster und gängige Deutungshoheiten zu dekonstruieren. Hierbei stammen ihre «Cut & Paste»-Materialien aus unterschiedlichen Phänomenen der Medienrealität und Unterhaltungsindustrie, ihren Erinnerungen, Einbildungen und Traumbildern, welche sie sich als Akteur*innen, Requisiten oder Kulissen für ihre konstruierten Bühnen aneignet bzw. darauf performen lässt. 

Für den kunstkasten lässt Johanna Müller fiktive und historische Ereignisse verschmelzen, wobei sie diese Form der Verschmelzung als «Simulakrum» (trügerisches Bild) im Sinne Jean Baudrillards begreift. Baudrillard nahm in den 1980er Jahren die Entstehung einer virtuellen Hyperrealität visionär vorweg und proklamierte in seinem Aufsatz «Der symbolische Tausch und der Tod», dass wir im Zeitalter der Simulation leben, in dem Zeichen, Bilder und Werte beliebig geworden sind. Dadurch ist es zunehmend unmöglich den Unterschied zwischen Bild und Wirklichkeit zu bestimmen. Baudrillard war der Ansicht, dass die Gesellschaft so sehr mit «Simulakren» und das Leben mit den Konstruktionen der Gesellschaft gesättigt ist, dass alle Bedeutung bedeutungslos wird, weil sie unendlich veränderbar ist. Wie aber orientieren wir uns in einem solchen System, in dem das Reale und das Fiktive zu einem unlösbaren Ganzen, einem «Simulakrum», verschmolzen sind? Wie weit können wir gehen? Wo endet diese Welt? 

Müller interpretiert in ihrer für die Ausstellung neu hergestellten Textilarbeit «mutable life» reale Orte und Schauplätze, die massgeblich zur Entstehung dieser Hyperrealität beigetragen haben und sie zukünftig vorantreiben. So vermischen sich zum Beispiel Aufnahmen von Google-Earth Reisen zum Silicon Valley oder zum Utah Data Centre mit fiktiven Ausflügen in der virtuellen Stadt «Los Santos» des Action-Abenteuer-Videogames GTA (Grand Theft Auto), die wiederum inspiriert von realen Schauplätzen wie beispielsweise dem Viertel Venice Beach in Los Angeles erschaffen wurden. Als Virtual Reality Avatarin* flaniert Müller dort ziellos am Strand entlang, geht im Meer schwimmen oder geniesst den Ausblick von einem der Hügel. 

Die digital entstandenen Screenshots bilden als Textildruck die Schauseite eines Quilts** und werden mit der wattierten Zwischenlage sowie der Unterseite, auf der essayistische Textfragmente die (Nicht )Zugehörigkeit an einem greifbaren Ort befragen, zu einer Decke verbunden. Traditionellerweise wird ein Quilt als Geschenk für eine bestimmte Gelegenheit angefertigt und soll so den Beschenkten etwas Persönliches auf den Weg mitgeben. Als «Farewell Quilt» verweist Müllers Arbeit auf Themen wie Abschied, Umzug und digitales Nomadentum. Die aufwändige Handarbeit eines textilen Unikats steht hier im Kontrast zum reproduzierbaren «Cut & Paste»-Bildmaterial aus dem Internetraum und wirft Fragen rund um den Akt der Aneignung in der Zeit der technologischen Beschleunigung auf. 

*Gespielt von Mark Adam.
**Gequiltet von Barbara Heller. Dank an Christina Müller.


Johanna Müller (*1990, lebt und arbeitet in Winterthur) studierte Art Education an der Zürcher Hochschule der Künste und Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. In ihren Arbeiten lässt sie unterschiedliche Phänomene aus unserer vertrauten Medienrealität zusammentreffen, indem sie gewöhnliche Szenen und alltägliche Mechanismen zu Zerrbildern arrangiert und sie in eigenwilligen Collagen einer neuen Kombinatorik sowie einem Feld assoziativer Lesarten aussetzt. Künstlerresidenzen führten sie in der Vergangenheit u.a. nach Berlin (2014/15), Buenos Aires (2020) und dieses Jahr nach Paris (2022). Jüngste Ausstellungen: what if i was wrong about what jesus looks like, 25. Internationale Kurzfilmtage, Winterthur; Dezember Ausstellung (2021), Kunsthalle Winterthur; walled garden (getting on together) IV (2021), Kulturnacht Winterthur, Kunsthalle Winterthur und Geheimgang 188; what if, … (2021), Villa Sträuli, Winterthur; boring twenties (2020), Hrüze Gegi, Winterthur. Weitere Infos: https://johannamueller.net 


Kuratiert von Julia Wolf 


 

Mit freundlicher Unterstützung von Stadt Winterthur, Curt und Erna Burgauer Stiftung u.a.